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Ein letztes Mal Krankenhaus

Eigentlich hatte ich mich fast auf diesen Klinikaufenthalt gefreut. „Nur ein MRT“ und zack, schon sollte ich endlich eine Diagnose in den Händen halten. Ein halbes Jahr meines Lebens hat mich der Mist schon gekostet, es soll nicht mehr werden. Ich kann grundsätzlich mit allem leben was mir da jemand an den Kopf wirft, nur nicht mit Ungewissheit. Ist es ein Tumor? Autoimmun? Wie muss ich mich in meinem täglichen Leben jetzt verhalten, um das Ganze zu begrenzen und trotzdem das Beste aus diesem Leben zu machen?

Aber war ernüchtert, angefressen und schlicht und ergreifend stinkesauer.
Einbestellt war ich für den 05.06., 11 Uhr. Ich bin ja grundsätzlich pünktlich und war also um 11 Uhr bereits aufgenommen und auf Station. Um 14.30 Uhr bekam ich ein Bett – okay, das kann passieren, mittlerweile bin ich Profi darin, mir eine Tasche voll Entertainment fürs Krankenhaus zu packen. Tablet, mobile Festplatte, Kreuzworträtsel, Kopfhörer, Buch – you name it.
Um 16 Uhr dann die Eingangsuntersuchung und ein kurzes Gespräch, es wurde ein Zugang gelegt.

Seitdem passierte nichts mehr und ich saß in meinem Bett, guckte mir mein Handy und mein Tablet an, schrieb Rezepte für meinen Blog vor und wartete. Der Abend kam, „Nein, also heute wohl nicht mehr, morgen ganz bestimmt.“. Dafür kann man sich nach einem halben Jahr Diagnosebingo echt gar nichts mehr kaufen.
Die Nacht im Krankenhaus war dann gar nicht so schlimm. Ich hatte das Bett am Fenster ergattert, die „Mitinsassen“ waren eher mittleren Alters und recht ruhig (ich habe in diesem Jahr wirklich schon alles erlebt, was man so mit auf dem Zimmer haben kann) und auch ganz nett, alles kein Problem. Auch sie warteten auf Untersuchungen, die einfach nicht stattfanden und waren mittelmäßig unruhig.

Der 06.06. brach dann einigermaßen gut an. Ich frühstückte in der Cafeteria, was in diesem Krankenhaus wirklich etwas Gutes ist. Danach ging ich nochmal am Stationsstützpunkt vorbei und sagte meine Catchphrase: „Auf die Gefahr hin, dass ich nerve, hätte ich die gleiche Frage wie vor einer Stunde schon mal...“, die Schwester schüttelte den Kopf: „Sorry, am Besten gehen Sie mal selbst in die Radiologie und fragen nach...“. Also latschte ich wieder runter und stellte mich dort am Tresen vor, nannte Namen und Geburtsdatum und sagte, dass ich seit gestern schon auf ein MRT warte, welches seit Wochen angemeldet sein sollte.
Man sah in den PC: „Mh, ja also es warten mit Ihnen noch 90 andere Leute. Die Oberärztin hat vorhin auch mal angerufen, ich glaube wegen Ihnen... Mhja, also angemeldet sind Sie aber nicht. Da müssen Sie warten, wir haben ja auch Notfälle und so, also es kann ja auch sein, dass Sie erst morgen drankommen...“.

In dem Moment bin ich echt freundlich geblieben, obwohl mir nach drastischen Worten war. Zurück auf der Station machte ich mir in der Visite mal Luft.
Ja, die Ärztin konnte nicht dafür, das habe ich ihr auch gesagt, aber sie könne ja sicher verstehen, dass das Jonglieren mit einem Kleinkind zuhause etwas schwierig ist wenn ein Elternteil für nichts und wieder nichts im Krankenhaus rumdümple. Ich verstehe, dass bei diesem Wetter viele Menschen mit neurologischen Symptomen eingeliefert werden und es wichtiger ist, herauszufinden ob jemand eine Blutung oder eine Verstopfung im Gehirn hat. Und dass mein Problem da deutlich kleiner ist, aber dass sie dann wenigstens aufhören sollten mir ständig zu sagen ich dürfe mich in keinem Fall aufregen, während so ein Mist passiert und ich mit Stresshormonen abgefüllt werde.
Und dann verlieh ich meinem Ärger etwas Nachdruck, indem ich sagte, wenn sie heute kein Bild mehr machten, würde ich ambulant irgendwo eins machen lassen weil ich nicht für 20 Minuten MRT 2 Nächte im Krankenhaus verbringen wollte. Ich weiß nicht ob der Zufall mir zu Hilfe eilte, oder mein „Mimimi“ ein bisschen half – jedenfalls rannte gegen 14.20 Uhr eine Schwester in mein Zimmer: „MRT, JETZT, los los los, Sie sind jetzt dran!“.

Das war mein Moment. Ich rannte in die Radiologie, wörtlich! Die Dame dort: „Ist bei Ihnen schon mal ein MRT gemacht worden?“, „Dieses Jahr ist es mein Fünftes.“, „Okay, dann muss ich Ihnen ja nichts mehr erzählen, BH aus und dann geht es ab.
Ich bat darum, eins der Bilder (Querschnitt) direkt danach sehen zu dürfen, da ich eine abschließende Diagnose ja erst morgen erhalten würde und ich aber wenigstens sehen wollte ob es anders ist als das „Vorher-Bild“.
„Kennen Sie sich denn damit aus?“, fragte die Dame und schaute mich misstrauisch an.
„Ich habe nicht viel weniger Ahnung als die Ärzte, ich habe eine Hypophysitis.“
„Was ist das denn?“
„Genau, deswegen habe ich ja nur ein bisschen weniger Ahnung als die Ärzte.“
„Naja gut, aber bitte orakeln Sie nichts da hinein.“
„Nein, ich habe nur eine Sache die ich sehen will und die kann ich auch so erkennen.“
„Müssen Sie nochmal auf die Toilette?“
„Ja, aber wir machen jetzt das Foto, ich warte seit einem halben Jahr auf Antworten, Pipi kann noch 20 Minuten warten.“

Es war das erste Mal, dass ich im MRT nicht eingeschlafen bin. Es klingt paradox, aber bisher war ich immer voll guter Hoffnung hineingegangen, ganz ruhig und entspannt und war dann immer nach ein paar Minuten weggedöst. Vorgestern habe ich die 20 Minuten damit verbracht zu denken: „Bitte lass es einfach weg sein. Bitte mach es weg, Universum, Gott, mir egal, mach, dass es weg ist.“. Das längste Gebet meines Lebens, wenn man es denn so beschreiben kann.
Mir gingen tausend Dinge durch den Kopf und ich kam überhaupt nicht runter.
30 Minuten nachdem ich die Radiologie verlassen hatte, war ich wieder zuhause. Ein erster Blick auf die Bilder verleiteten die Oberärztin zu sanfter Hoffnung: „Unter Vorbehalt, es sieht besser aus.“. Mir war beim versprochenen Blick aufs Bild eine Sache direkt aufgefallen: bei den vorherigen Aufnahmen war die Hypophyse weiß, weil das Kontrastmittel dort direkt aufgenommen wurde. Aber auf dem neuen Bild hatte die Hypophyse endlich Graustufen. Das war ja schon mal was. Endlich eine Chance darauf, dass die Ärzte etwas sehen können außer, dass mir ein Licht aufgegangen ist.

Auf endgültige Antworten wartete ich wieder. Vormittags hatte die Ärztin viel zu tun, ab 12 Uhr rief ich immer mal wieder auf Station an. Um 15 Uhr klingelte dann endlich mein Telefon und hörte: „Ich habe die besten Neuigkeiten überhaupt!!! Kein Tumor, der Blutrand ist weg und die Entzündung auch!!!“.
Ich wollte schreien. So laut, dass man mich bis Buxtehude hören konnte. Ich habe gelacht und geweint gleichzeitig. Und das Beste war der Gesichtsausdruck meines Sohnes, als ich ihn in den Arm nehmen konnte und sagen konnte: „Mama ist wieder gesund! Kein Krankenhaus mehr in nächster Zeit, alles wird wieder gut.“.

Eine Stunde lang verbrachte ich damit, Freunden und Verwandten zu berichten, dass alles wieder ins Lot kommt. Abends hatte ich zufällig eh meine Brüder eingeladen und wir feierten eine kleine „Glücksparty“.

Ich muss noch knapp anderthalb Wochen Kortison nehmen, dann ist es ausgeschlichen. Ich habe sofort grünes Licht für Sport bekommen, Stress muss ich nach wie vor und wahrscheinlich für immer eher vermeiden (wie leicht sich sowas sagt). Einen Endokrinologen muss ich mir jetzt auch suchen, man vermutet, dass die Ursache mein sowieso fehlgeleitetes Immunsystem ist und der Endokrinologe muss überwachen, ob alle Hormone wieder in die Reihe kommen.

Aber am Ende stand, dass mein Leben nach 6 Monaten wieder normale Gewässer erreicht hat.
Wir buchen jetzt erst mal unsere Flitterwochen, die stehen im September an und wir konnten wegen der Krankheit erst mal nichts buchen. Alle unsere Pläne, die im Wartebereich eines Krankenhauses saßen, können wir wieder aufnehmen. Also nicht nur ich wurde gestern befreit, sondern meine ganze Familie. Und ich bin sehr optimistisch. Eine Autoimmunerkrankung habe ich schon, da werde ich mit einer zweiten auch fertig.

Das waren jetzt 6 Monate, 5 MRT und 4 Krankenhausaufenthalte. Mit allem werde ich danach fertig!

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